Zwischen Utopie und Untergang: Die KI zerstört die Wirtschaft, wie wir sie kennen
Ökonomen sehen erste Anzeichen dafür, dass Künstliche Intelligenz Produktivität und Wertschöpfung spürbar steigert. Doch der KI-Boom könnte völlig an den Menschen vorbeigehen, warnt ein eindringlicher Bericht. Was bleibt, wenn massenhaft Softwareentwickler, Finanzanalysten und andere Bürokräfte ersetzt werden?
03.03.2026 um 11:02 Die Presse auf Google als bevorzugte Nachrichtenquelle hinzufügen. von Matthias Auer und David Freudenthaler


Es ist Juni 2028. Im Rückblick erscheint den Analysten von Citrini Research sonnenklar, warum geschehen musste, was vor drei Jahren noch niemand für möglich gehalten hatte. Warum der Aktienindex S&P 500 seit seinem Höchststand im Oktober 2026 über sechzig Prozent seines Werts eingebüßt hat. Warum die Wirtschaft in den USA offiziell boomt und trotzdem so viele Menschen arbeitslos sind wie zuletzt in der Großen Depression.
Der Aufstieg der KI-Agenten ab Ende 2025 habe massenhaft Softwareentwickler, Finanzanalysten, Buchhalter und andere Büroarbeiter ersetzt. Und die versprochenen neuen Jobs, die am Ende jeder technologischen Revolution standen, wollten diesmal einfach nicht in notwendiger Zahl kommen, weil die KI auch sie besser erledigen konnte. Nach nur zwei Jahren war die Weltwirtschaft nicht wiederzuerkennen, schrieben die Autoren des Citrini-Reports vergangene Woche in ihrer fiktiven Dystopie und sorgten damit für jede Menge Unruhe.
KI-Agenten sorgten für Kurssturz
Zwar betonten die Analysten, dass sie keineswegs eine Prognose, sondern lediglich ein Szenario der Zukunft beschreiben. Dennoch reagierten die Anleger auffällig nervös. Viele der Unternehmen, die als erste „Opfer“ der KI-Agenten genannt wurden, mussten tags darauf an den Börsen Federn lassen. Erst wenige Wochen zuvor crashten Software-Aktien, nachdem der KI-Entwickler Anthropic mit Claude Code einen Assistenten auf den Markt brachte, der das Programmieren auch für absolute Laien möglich macht. Vor wenigen Tagen präsentierte das Unternehmen ein weiteres Produkt, das die Arbeit von Investmentbankern, juristischen Mitarbeitern und Personalabteilungen automatisieren soll. Selbst der steile Anstieg der Produktivität durch den technologischen Fortschritt, der in den vergangenen Jahrzehnten kaum messbar war, ist in Ansätzen bereits zu erkennen. Das behauptet zumindest Stanford-Ökonom Erik Brynjolfsson.
In den USA sei die Arbeitsproduktivität 2025 fast doppelt so stark gewachsen wie im Durchschnitt des vergangenen Jahrzehnts, schrieb er in einem Gastkommentar in der „Financial Times“. Grundlage waren neue Daten des Bureau of Labor Statistics, wonach 2025 statt der ursprünglich gemeldeten 584.000 neuen Stellen nur 181.000 neue Arbeitsplätze geschaffen wurden. Trotzdem wuchs die US-Wirtschaft im Vorjahr um 2,2 Prozent. Nach einer Schätzung von Harvard-Ökonomen waren alleine die gigantischen Investitionen der Technologiekonzerne in neue Rechenzentren beinahe für das gesamte Wachstum der US-Wirtschaft im ersten Halbjahr verantwortlich.
Weniger neue Jobs, BIP wächst trotzdem
Mehr dazu
Das „blinde“ Wettrüsten der Tech-Konzerne geht uns alle an

Leitartikel von Matthias Auer
Künstliche Intelligenz wird 2026 erwachsen – und wir sollten mitwachsen

Leitartikel von David Freudenthaler
Wie lassen sich KI-Gewinne aufteilen?
„Die Zahlen waren immer noch großartig“, prophezeiten auch die Autoren des Citrini-Berichts für die Jahre nach 2026. „Das BIP wuchs im hohen einstelligen Prozentbereich, die Produktivität boomte“, da die fleißigen Agenten weder Feierabend noch Krankenstand oder gar Urlaub kennen. Doch dieses „Ghost-GDP“ gab es nur in den Statistiken und fand keinerlei Niederschlag in der realen Wirtschaft. Der Konsum brach ein. Denn ein Rechenzentrum, das nun den Job von 20.000 Angestellten erledigt, braucht außer Energie und Wasser nun einmal nicht sonderlich viel.
Natürlich ist das ein Extremszenario, das schon alleine deshalb nicht real werden wird, weil es den Widerstand gewachsener Systeme, die Unzulänglichkeiten der KI-Lösungen und die Gegenwehr der Regulatoren unterschätzt, nach denen selbst OpenAI-Chef Sam Altman und seinesgleichen rufen. Dennoch ist es legitim zu fragen, welche Antwort sich ein Land wie Österreich, das sich über weite Teile durch Steuern auf Arbeit finanziert, für den Fall zurechtlegt, dass künftig womöglich deutlich weniger Menschen arbeiten werden. Sollte die Lohnsteuersumme infolge der prophezeiten Umwälzungen am Arbeitsmarkt tatsächlich einbrechen, braucht es Alternativen zur Finanzierung des Wohlfahrtsstaates.
„Wir brauchen Mechanismen, die Überschüsse aus KI-Gewinnen teilweise abschöpfen, ohne Investitionen abzuwürgen“, sagt Ljubica Nedelkoska, Ökonomin am Complexity Science Hub in Wien. Damit greift sie eine Forderung namhafter US-Ökonomen auf: Infolge der prognostizierten Produktivitätssprünge würden zusätzliche Gewinne bei wenigen Konzernen landen, statt bei ihren Beschäftigten. Ein staatlicher Fonds solle – etwa über Gebühren für Datennutzung – an diesen KI-Gewinnen mitverdienen und die Erträge breiter an die Bevölkerung weitergeben.
Mehr dazu
„Niemand will die Person sein, die ohne KI arbeitet, wenn andere damit doppelt so schnell sind“
von David Freudenthaler
Investoren fordern mehr Transparenz von ATX-Unternehmen
von Susanne Bickel
Selbst führende KI-Entwickler können dieser Logik einiges abgewinnen. OpenAI-Chef Altman argumentierte schon 2021, dass statt Arbeit künftig verstärkt Unternehmenswerte und Landnutzung (in Form riesiger Rechenzentren) besteuert und über einen „American Equity Fund“ an Bürger ausgeschüttet werden sollten. Eine andere Denkschule, die im Silicon Valley ebenso breites Gehör findet, spricht längst von der „Post-Work-Society“. Die Idee dahinter: Wenn sich Kaufkraft und soziale Teilhabe immer stärker vom Job entkoppeln, brauche es universelle Verteilungsmechanismen. Etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen, das sich aus Abgaben auf KI-Erträge finanziert.
Die Verteilungsfrage dürfte im KI-Zeitalter jedenfalls neu gestellt werden. Sollten darauf nicht rasch politische Antworten folgen, droht laut Citrini-Report ein Abwärtssog aus Jobverlust, Nachfrageschwäche und Wohlstandseinbruch. Der KI-Chatbot Claude von Anthropic hält das Szenario von Citrini Research im Übrigen nicht für vollkommen abwegig. „Die Dynamiken im Text sind real“, so die Einschätzung. „Aber sie arbeiten eher über ein Jahrzehnt als über zwei Jahre.“
»Die KI-Budgets aller Firmen wachsen, während ihre Gesamtausgaben schrumpfen.«
Citrini Research
In Zahlen
200 US-Dollar pro Monat kostet in etwa ein KI-Agent von Anthropic Claude, um die Arbeit eines 180.000 Dollar-Managers (pro Jahr) zu erledigen.
Der Anteil der Arbeit am US-BIP fiel von 64 (1974) auf 56 Prozent (2024) – getrieben durch Globalisierung und Automatisierung.